Ich bin mehr als Du siehst

14. Oktober 2014 § Ein Kommentar

Dieser Text ist dieses Jahr in meinem Sommerurlaub mit der Familie entstanden. Als ich begann, ihn zu schreiben, war ich ziemlich traurig. Doch dann ging ich in ein Schwimmbad …

Seit ich denken kann, bin ich dick. Oder nein, seit ich denken kann, denke ich, dass ich dick bin. Ich bin es aber nicht immer gewesen. Denn es gibt Bilder von mir, als Kind und als Teenager, auf denen sehe ich ganz normal aus. Trotzdem haben andere Kinder und Teenager mich immer wissen lassen, dass sie finden, ich sei dick. Und ich denke, das habe ich ihnen geglaubt. Ich glaube es immer noch. Hab nie wieder aufgehört damit. Dabei möchte ich das so gerne.

Tatsächlich dick geworden bin ich erst am Ende meines Studiums, so mit Mitte Zwanzig. Von da an bis zur Geburt meiner ersten Tochter hab ich gut 25 Kilo zugenommen. Und dann nochmal zehn in der Schwangerschaft. Die gingen auch nicht weg, als die Süße dann da war, sondern blieben, bis vier Jahre später Nummer zwei unterwegs war. Und dann noch ein Weilchen. Aber dann verschwanden sie, diese zehn. Der Rest blieb.

Heute spricht mich niemand mehr direkt darauf an, dass ich dick bin. Heute bieten mir die Leute in der U-Bahn einen Platz an, weil sie denken, dass ich schwanger bin. Oder die Friseurin fragt mich ganz direkt, wann es denn soweit sei, mit Nummer drei.

In solchen Situationen übe ich mich in Mitgefühl. Die Platzanbieter meinen es gut und wissen es nicht besser. Und die Friseurin versinkt vor Scham im Boden, wenn ich sage: „Ich bin nicht schwanger.“ Am Ende tröste ich sie, nicht umgekehrt.

Aber wenn ich nach Hause gehe an solchen Tagen, dann bin ich traurig. Auf eine leise, tiefe, nagende Art traurig. Ich mag dann nicht in Spiegel schauen. Und suche die weiten T-Shirts und die Hosen, die nicht kneifen. Die für die schlechten Zeiten.

An anderen Tagen aber, da vergesse ich es. Denn wenn ich in den Spiegel schaue, ohne dass die Welt mir vorher gesagt hat, dass ich dick bin, dann sehe ich nur mich. Und ich finde mich schön. Meine blauen Augen, die Wallemähne, die Kurven, meine muskulösen Beine, die hübschen Füße. Und ich ziehe an, was ich mag: schönes Rot, tiefes Blau, leuchtendes Türkis, strahlendes Weiß. Und dann ist auch egal, ob die Sachen eng sind oder weit. Hauptsache, ich mag sie, Hauptsache, sie fühlen sich mit mir und an mir gut an.

Manchmal steige ich an solchen Tagen auf mein Rad und freue mich an der Welt. Und schaue im Vorbeifahren ins Schaufenster zu meinem Spiegelbild. Und dann erschrecke ich manchmal. Denn die Frau, die ich dort sehe, die ist viel dicker, als ich mich fühle.

Seit ich mit der Familie im Urlaub bin und der Liebste mir die ersten Fotos gezeigt hat, die er von mir und den wunderschönen Kindern geschossen hat, wollen mir diese Fragen nicht mehr aus dem Kopf: Warum sehe ich dicker aus, als ich mich fühle? Und warum kann mich das so runterziehen?

Denn das tut es. Ich sehe mich auf den Fotos nicht ganz, sondern nur das, was mir aktuell am wenigsten gefällt: Meine schwabbeligen Oberarme, das Doppelkinn und der große Bauch. Und dann habe ich schlechte Laune.

Das sind die Gedanken, dich ich nun zwei Wochen mit mir herumgetragen habe. All die Erinnerungen an all die emotionalen Verletzungen, die fiesen Kommentare der anderen und die eigenen, finsteren Gedanken. Ich habe sie alle mitgenommen auf einen Ausflug mit der Familie in ein Schwimmbad. Während mein Mann und die große Dame die Wasserrutsche erkunden, sitze ich mit der kleinen Dame im Baby-Becken, damit sie Pirat spielen kann. Das Wasser ist warm, ich sitze hier und schaue mich um.

Und plötzlich sehe ich es nicht nur, ich fühle es. Bis in die letzte Faser meines Herzens: Ich bin nicht allein.

Ich sehe Frauen mit ausladenden Hüften. Und Frauen, die kaum einen Hintern haben.

Ich sehe Frauen, die rund und weiblich sind. Und Frauen, die super dünn sind.

Ich sehe Frauen, deren Körper man ansieht, dass sie Kinder bekommen haben. Und Frauen, bei denen das nicht so ist, obwohl sie ein Kleinkind an der Hand haben.

Ich sehe Frauen, die offensichtlich glücklich sind. Und Frauen, deren Mimik, Gestik und Körpersprache mir ausführlich erzählen, wie unglücklich sie sind. Wie gerne sie anders aussähen.

Und nein, es waren nicht nur die dünnen Frauen, die so rundum glücklich aussahen. Und es waren auch nicht nur die dicken, die traurig waren. Es waren mal die und mal die. Die Maße spielten keine Rolle.

Ich habe mir alle Frauen in diesem Schwimmbad lange angesehen. Sie waren so unterschiedlich und so schön. Allesamt.

Da wusste ich: Was mir passiert ist, kann ich nicht mehr ändern. Aber ich kann aufhören so zu tun, als wäre es nur mir passiert. Denn das ist es nicht. Egal ob wir dick sind oder dünn, ober wir blond sind oder brünett, ob groß oder klein – wir alle erleben Momente, in denen wir uns wegen unseres Äußeren abgelehnt fühlen. Und wir erleben Momente, in denen wir uns mit allem geliebt fühlen, das uns ausmacht, innen wie außen.

Manche von uns haben Glück und werden mit einer Konstitution geboren, die gerade ins aktuelle Schönheitsideal passt. Manche von uns müssen hart arbeiten, um das zu erreichen. Aber keine von uns sucht sich das aus. Wir werden so geboren. Und dann kommen viele andere Faktoren hinzu, Erziehung, Ernährung, Erkrankungen, seelische Entwicklung, Berufswahl, familiäres Umfeld, Schwangerschaften und vieles mehr.

Aber das alles entscheidet nicht darüber, ob wir schön sind oder nicht. Das entscheiden wir selbst.

An diesem Nachmittag im Schwimmbad habe ich so viele wunderschöne Frauen gesehen. Diese Vielfalt hat mich umgehauen. Noch mehr aber haben mich die Stärke und die Verletzlichkeit beeindruckt, mit der diese Frauen getragen haben, was Mutter Natur und ihr Leben ihnen geschenkt haben.

In meinem Herzen hat sich an diesem Tag ein sehr, sehr alter Knoten gelöst. Ich bin nicht allein. Darin liegt so viel Trost für mich. Und so viel Erleichterung.

Dieser Tag hat mich verändert. Angefangen damit, dass ich diesem traurigen Text kein trauriges Ende mehr geben kann. Und weiter damit, dass die alten finsteren Gedanken verschwunden sind.

Ich sehe mich immer noch in Schaufenstern und ich bekomme immer noch einen Platz in der U-Bahn angeboten. Aber jetzt lache ich und strahle und sage: Dankeschön, nicht nötig.

Denn ich habe entschieden: Ich bin wunderschön.

Und ich bin nicht allein.

5 Dinge, die ich mit meinem 365-Tage-Projekt entdeckt habe

2. Mai 2014 § 3 Kommentare

Vor 59 Tagen habe ich mein erstes 365-Tage-Projekt gestartet.

Es dreht sich um die Praxis der Dankbarkeit und hört auf den schönen Namen http://www.365tagedank.wordpress.com/.

Heute will ich Euch einen kleinen Zwischenbericht geben und meine Erfahrungen mit Euch teilen.

1. Weg mit dem Perfektionismus – Nachträge sind okay

Zuerst das praktische: Es gibt Tage, da bin ich zwar dankbar, schaffe aber keinen Eintrag. Manchmal haut mich die Müdigkeit um, bevor der Beitrag online ist. Manchmal sitze ich zu lange mit Freunden und dann ist schon nach Mitternacht und fehlerfrei tippen ginge ohnehin nicht mehr. Manchmal ist was anderes … Als es zum ersten Mal passierte, war ich zunächst ein bisschen traurig: Ohweh, die Kette der 365 Tage durchbrochen … Projekt versemmelt … und auch noch öffentlich … Dann hab ich nochmal nachgedacht: Nicht zu schreiben bedeutet ja nicht, dass ich mir nicht bewusst gemach hätte, wofür ich dankbar bin. Denn das tue ich tatsächlich täglich, ohne dass es große Mühe machen würde. Also war ich freundlich zu mir und habe die Option des Nachtrags „erfunden“. Denn ich möchte auf jeden Fall 365 verschiedene Einträge schreiben. Und das werde ich schaffen.

2. Ohne Hinschauen geht’s nicht: Vom Finden der kleinen und großen Dinge

Es gibt Tage, die fühlen sich nicht gut an. Weil zu viel los ist, weil ärgerliches passiert, weil der Kopf weh tut oder was anderes, weil einfach alles anstrengend scheint. Auf den ersten Blick ist da wenig, was einem zum Thema Dankbarkeit einfällt. Aber eben nur auf den ersten. Denn beim nochmal drüber nachdenken, gibt es dann eben doch oft Dinge, die gerade solche Tage wertvoll machen. Die unverhofften (wie ein Lächeln von irgendwoher), die kleinen (wie ein Sonnenstrahl), die großen (wie die Liebe und die Freundschaft) und die versteckten (wie eine Lektion in Geduld). Man findet sie. Immer. Auch in größter Dunkelheit. Und genau darum geht’s.

3. Statistiken sind manchmal doch toll: Das Wunder der Tags

Ich habe mir angewöhnt, meine Einträge zu taggen, nachdem ich beim Einrichten des Blogs diese Sache mit der Tag-Cloud in der Seitenleiste entdeckt und mal eben angeklickt hatte. Zunächst war ich mir gar nicht so recht im Klaren darüber, wie nützlich das sein würde. Aber dann füllte sich die Wolke. Und am größten wurden die Begriffe, die ich am häufigsten verwendet habe (ich weiß, aller Blogversierten Leser gähnen jetzt, aber seht es mir nach, ich bin Anfängerin, für mich war es ein Wow-Moment). Und was soll ich Euch sagen: Keiner meiner „großen“ Tags hat was mit Geld zu tun. Auch die unwichtigen nicht. Karriere kommt auch nicht vor. Erfolg auch nicht. Man ahnt es ja, dass all die Glücks-Ratgeber und Achtsamkeits-Lehrer recht haben, aber es ist definitiv etwas anderes, es selbst auszuprobieren – und zusehen. Ich kann es empfehlen.

4. Endlich: Die Liste der 10 Dinge, für die ich (derzeit) am dankbarsten bin

Und hier ist sie, die Liste der größten Begriffe in dieser Zauberwolke aus Tags. Ich finde, sie spricht für sich selbst. Aber ich nehme mir jetzt schon vor, noch einen eigenen Beitrag darüber zu machen.

  1. Zeit

  2. Sonne

  3. Liebster / Liebe

  4. Leben

  5. Herz

  6. Glück

  7. Geduld

  8. Kinder

  9. Familie

  10. Frühling

5. Ist das der Schlüssel zum Glück? Mal seh’n.

Es macht mir Freude, jeden Tag einzufangen, was mein Leben schön macht. Und wofür ich danke. Bin ich dadurch gelassener geworden? Glücklicher? Geduldiger? Ja und nein. Ich wusste auch vorher schon, dass ich ein großes Glück in meinem Leben habe. Und ich war auch vorher schon dankbar dafür. Spannend ist tatsächlich die tägliche Praxis. Denn an den trüben Tagen vergisst man sonst schnell mal, sich bewusst zu machen, dass sie eben nicht nur finster sind. Dafür ist dieses Projekt ganz hervorragend. Es rückt die Perspektive zurecht. Es zoomt ran, wenn’s drauf ankommt. Und – siehe die Liste – es hält ganz offensichtlich so einige Lektionen darüber bereit, was das Leben lebenswert macht. Darüber dann bald mehr.

Namasté, Ihr Lieben.

count my blessings

Beitragswirrwarr … Sorry!

31. März 2014 § Hinterlasse einen Kommentar

Ihr Lieben, verzeiht!

Irrtümlich und kurzfristig sind heute zwei Nachträge, die eigentlich zum 365-Tage-Dank-Projekt gehören, hier bei einfachatmen gelandet. Weil das aber so nicht gedacht ist, hab ich sie dahin verschoben, wo sie hin gehören. Wer als eine Mail bekommen hat und sich nun ärgert, weil er die doch gar nicht haben wollte: Sorry, ein Versehen, wie gesagt.

Wer neugierig ist, was es bei 365tagedank inzwischen Neues gibt, der folge mir bitte hier entlang: http://365tagedank.wordpress.com/

Alles Liebe!

Kathrin

 

365 Tage Dank

5. März 2014 § Hinterlasse einen Kommentar

Ich mag die Idee von 365-Tage-Projekten.

Ein ganzes Jahr lang, jeden Tag auf’s neue: Ein Thema, eine Sache.

Das hab ich noch nie gemacht. Und deshalb fange ich jetzt damit an.

Da draußen im wirklichen Leben sage ich gerne und oft ‘Danke!’. Einfach, weil ich es wichtig finde und weil ich möglichst wenig als selbstverständlich nehmen möchte.

Und in der Theorie habe ich bereits spannende Sachen darüber gelesen, wie täglich praktizierte Dankbarkeit die Perspektive verändert. Dankbarkeit ist ein wichtiges Element yogischer Praxis und positiver Psychologie. Beides interessiert mich enorm. Was liegt also näher, als es endlich und an mir selbst auszuprobieren?

Also sage ich mit meinem neuen Blog “365tagedank” künftig jeden Tag, wofür ich dankbar bin. Ich könnte es auch in ein Notizbuch schreiben, keine Frage. Aber ich kenne mich …

Und außerdem: Was wäre, wenn das Projekt auch Euch inspiriert? Diesen Gedanken finde ich mindestens genauso zauberhaft wie die Aufgabe, 365 Tage lang aufzuschreiben, wofür ich dankbar bin.

Ich nehme mir vor, mindestens drei Dinge zu finden. Werden es mehr – prima. Sind es weniger, ist es auch nicht so wild. Hauptsache täglich.

Wenn Ihr die Idee mögt oder via Kommentarleiste mitmachen wollt, freue ich mich.

Kommt einfach mit zu: 365tagedank.wordpress.com

Namasté, Ihr Lieben.

4 Dinge, die das Jahr 2013 mich gelehrt hat

19. Januar 2014 § 2 Kommentare

Es gibt Jahre, die rauschen nur so an einem vorbei.

Und es gibt welche, die bleiben in Erinnerung, weil sie wichtige Erkenntnisse mit sich bringen. 2013 war so ein Jahr.

Wahrscheinlich liegt es an der
Intention, die ich mir für die 365 Tage vom 1.1.2013 bis zum 31.12.2013 gesetzt hatte. ‚Achtsamkeit‘ sollte mein Thema sein. Ganz gegen meine sonstige Gewohnheit bin ich mal nicht mit einem Berg an Literatur an das Thema ran gegangen. (Natürlich habe ich trotzdem viel gelesen, aber eben nicht gezielt dazu und vor allem nicht BEVOR ich irgendetwas gemacht habe … Für mich ist das ein ganz wichtiger Unterschied.) Statt dessen habe ich von Anfang an meinen Blick nach Innen gerichtet. Ich wollte mich besser kennenlernen, meinen Bedürfnissen nachspüren, meine Träume finden, bewusster sein.

Natürlich ist mir das nicht an allen 365 Tagen gelungen. Es gab Tage, an denen mich der Termindruck und das Familienmanagement so in Beschlag genommen haben, dass ich mehr funktioniert als gelebt habe. Und es gab Tage, da habe ich diesen wichtigen Moment zwischen einem Gefühl und meiner Reaktion darauf schlicht verpasst. Dann hat es mich fortgespült in die Gedankenschleifen, die Ärger-Tunnel und die Nebel der Traurigkeit. Wutkugeln gab es auch einige und ich habe nicht alle einfangen können, bevor sie explodiert sind.

Aber es gab eben auch andere Momente – und es waren gar nicht so wenige. Momente ganz im Hier und Jetzt, zum Bersten angefüllt mit Glück, Tiefe und Präsenz. Momente mit sehr klaren Gedanken, Momente, in denen für mich Türen aufgegangen sind. Ich habe 2013 nicht den einen großen Schritt gemacht, aber dafür viele kleine. Ich bin gestolpert und gefallen. Aber ich bin vorangekommen. Und deshalb fühlt sich dieses gerade erst abgeschlossene Jahr so gut an in meinem Rücken. Es ist eine Basis, vielleicht auch ein Meilenstein. Es fühlt sich jedenfalls so an, als könnte ich dahinter nicht mehr zurückfallen. Daraus entsteht eine ganz neue Art von Sicherheit.

Wenn ich auf 2013 zurückblicke und die vielen kleinen Schritte ein bisschen sammle und verdichte, dann sind es im Wesentlichen vier Dinge, die mich dieses Jahr gelehrt hat. Ich schreibe sie hier auf. Für mich und für den Fall, dass sie Euch vielleicht auch nützen.

  1. Meditiere regelmäßig. Es geht mir besser, wenn ich regelmäßig meditiere. Ich bin nicht nur entspannter, ich bin insgesamt klarer, bei allem was ich tue: Schlafen, essen, arbeiten, Mama sein (besonders bei den letzten beiden). Ich kann besser wahrnehmen, wie es mir geht und dann auch darauf reagieren. Ich hatte 2013 Zeiten, in denen ich mir meine abendliche Meditation gespart habe, weil ich 20 zusätzliche Minuten Schlaf wollte (oder so müde war, dass ich schlafend vom Sitzkissen gekippt bin). Aber genützt hat es nichts. Denn ohne regelmäßige Meditation verliere ich meinen Fokus. Dann rauschen die Emotionen (vor allem Ärger und Frustration) nur so über mich hinweg und spülen mich fort. Dann handle und plane ich nicht bewusst, sondern lasse mich von den Aktionen und Reaktionen meiner Umwelt quasi fernsteuern. Dann bin ich Frust-Esserin, Frust-Shopperin, Frust-Mitarbeiterin und Frust-Mama. Und weil ich all das nicht gerne bin und es mir nicht gut tut, wird meine tägliche Meditation nicht mehr der letzte Tagesordnungspunkt sein, bei dem ich am Ende einschlafe, sondern einer, den ich bewusster plane und früher ansetze 😉
  1. Sei gut zu Dir. Viele Jahre meines Lebens habe ich nur meinem inneren Kritiker zugehört. Und der ist wirklich gemein. Er findet mich nicht organisiert genug, nicht diszipliniert genug, nicht schlau genug, nicht schön genug, nicht dünn genug, nicht sportlich genug, nicht geduldig genug, nicht ausgeglichen genug, nicht schnell genug, nicht … Ich könnte die Liste endlos fortsetzen. Aber ich werde es nicht. Denn in meinem Jahr der Achtsamkeit habe ich festgestellt: Ich bin sehr in Ordnung. Ich liebe, lebe und arbeite leidenschaftlich, ich gebe mein Bestes und es gibt sehr, sehr viele Dinge, die mir ziemlich gut gelingen. Und wegen der Dinge, die nicht so gut klappen, mache ich mir keinen Kopf mehr. Fehler gehören dazu und man kann sie sich verzeihen (sollte man unbedingt!). Niemand ist 24 Stunden am Tag topfit und fröhlich. Auch das ist in Ordnung. Wenn ich heute ärgerlich oder müde werde, halte ich inne. Ich führe mir vor Augen, wie der Tag bisher war und was alles erreicht ist. Und egal, ob das viel oder wenig ist, klopfe ich mir innerlich auf die Schulter und sage: genug für heute. Was können wir jetzt schönes tun? Ich bin mir ein besserer Freund geworden. Ich sehe in mir nicht mehr nur, was alles nicht geht, sondern vor allem, was geht. Ich glaube, es ist ist Mitgefühl. Ich fühle mehr mit mir.
  1. Mach mal Pause. Es ist wichtig, mich um mich zu kümmern. Wenn ich für andere (meine Familie, meine Freunde) da sein können will, brauche ich Energie und Kraft. Und damit ich die habe, sollte es mir gutgehen. 2013 hat mich gelehrt, dass es keine gute Idee ist, mich erst für meine Umwelt einzusetzen und dann erst zu schauen, ob ich auch die Kraft dafür habe. Die eigenen Grenzen zu ignorieren und ständig über sie hinauszugehen, macht über kurz oder lang kaputt. Im Sommer ist mir das passiert. Eben noch dolce vita im Süden und dann plötzlich schlägt der Alltag zu. Großes Projekt, Kind mit Schwierigkeiten in der Schule und der Mann überwiegend nachts arbeitend. Null Zeit für mich, keine Pausen, kein Luftholen. Es ist genau zwei Wochen gutgegangen und dann hatte ich die erste echte Panikattacke meines Lebens. Keine schöne Erfahrung, aber eine wichtige. Ich will das nie mehr erleben. Als fast nichts mehr ging, traf ich eine kluge Frau, mit der zusammen ich es geschafft habe, genau hinzuschauen. Was war passiert? Wie war ich n diese fürchterliche Situation gekommen? Es war erschreckend banal: Ich hatte vergessen, meine Akkus aufzuladen. Oder eigentlich: Ich hatte es verlernt (aber nicht erst in diesen zwei Wochen, sondern eigentlich seit ich Kinder habe UND arbeite, aber das ist eine andere Geschichte). Also bekam ich die Aufgabe, wirklich jeden Tag eine Sache nur für mich zu tun. Egal was, es durfte auch Schlafen sein. Nur auslassen durfte ich es nicht. Am Anfang habe ich lange gebraucht, um auf die einfachsten Sachen wie eine Badewanne, eine Tasse Tee oder ein Wurstbrot am nächtlichen Küchentisch zu kommen. Mit der Zeit aber wurde ich immer besser. Weil es Spaß machte, den Tag über immer mal wieder hinzuhören: Was brauchst Du heute? Was würde Dir Freude machen? Und ratet mal: Die Welt ist nicht untergegangen, weil ich eine halbe oder (ganz verwegen!) mal zwei Stunden einfach nichts, oder nichts im üblichen Sinne Produktives gemacht habe. Ganz im Gegenteil. Sie wurde schöner und mir ging es besser. Deshalb: Pausen sind prima. Das Wäsche-Chaos liegen lassen, den Abwasch ignorieren und stattdessen ein Bad nehmen – wunderbar, mach das! 2013 hat mich gelehrt, dass das Chaos auch mal warten kann. Und dass die Pausen, die daraus entstehen, sehr kostbare Zeitgeschenke sind, die viel Kraft geben.
  1. Deine Träume müssen nicht warten. Ich habe mich oft davon abgehalten, die Dinge zu tun, die ich tun möchte, weil ich dachte, ich brauche dafür enorm viel Zeit. Und wenn ich die nicht hatte, dann mussten die Träume eben warten. So hat es zum Beispiel Jahre gedauert, dieses Blog überhaupt zu eröffnen und dann nochmal ewig, es auch mit Leben zu füllen. 2013 hat mich gelehrt, dass auch kleine Schritte Träume wahr werden lassen: Ein Blog-Text, der unterwegs auf dem ipad in der U-Bahn entsteht, Yoga zu Hause, wenn der Weg ins Studio einfach nicht in den knappen Zeitplan passt, wenigstens eine aufgeräumte Schublade, wenn schon nicht das ganze Ablage-Chaos an einem Abend zu bändigen ist. Kleine Schritte sind gut, weil ein Anfang gemacht ist, weil es vorangeht und weil ein bisschen eben mehr ist als gar nichts. Mich hat es irre glücklich und stolz gemacht, auf diese Weise nicht mehr nur zu träumen, sondern zu erschaffen. Textideen, Buchideen, ein minikleines Ehrenamt, vier Strickschlangen für meine Töchter und ihre Freundinnen.

Wasser in der Wüste

11. Dezember 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Es gibt tatsächlich Wasser in meiner persönlichen Wüste der Glücks-Suche.

Womit ich sagen will, dass ich das ganze nicht gar so trostlos sehe, wie es sich in meinem letzten Post möglicherweise angehört hat.

Denn diese Reise ist ja ungemein spannend. Vor allem wegen des Wassers. Das Wasser nämlich, das ist kein gewöhnliches. Das Wasser in meiner Glückswüste besteht (manchmal) aus … Wut. Oder Ärger. Oder Frust. Und das ist auch nicht so schlecht wie es sich jetzt vielleicht liest.

Die Sache ist die: Ich habe dazugelernt, was diese Gefühle angeht. Ich kann sie inzwischen nicht nur besser wahrnehmen (danke an die Achtsamkeit), ich kann sie auch annehmen und integrieren. Das geht, weil ich irgendwann nicht nur festgestellt habe, dass sie da sein dürfen und ihre Berechtigung haben, sondern das da noch mehr drin steckt. Die sagen mir was. Und zwar über mich.

Ich bin wütend. Auf wen? Warum? Ich ärgere mich. Über wen? Warum? Ich bin frustriert. Weswegen?

Lauter spannende Fragen. Im ersten Moment fallen mir immer andere ein. Wut auf das ignorante Verhalten der Kollegen. Ärger über den ewigen Zeitmangel und unrealistische Deadlines für Projekte. Frust weil ich schon wieder was muss, statt etwas zu wollen … So sieht das an der Oberfläche aus.

Irgendwann hab ich mal unter die Oberfläche geschaut. Und da sah ich, dass es eben nicht die Anderen sind, nicht die äußeren Umstände. Ich bin das. Ich bin wütend, weil ich die Ignoranz der Kollegen immer noch an mich ranlasse, weil ich dem nichts entgegen setze. Ich ärgere mich, dass ich meine Zeit mit Dingen verbringe, die ich meine zu müssen, statt die zu tun, die ich von Herzen will. Ich bin frustriert, weil meine Träume immer noch Träume sind und keine Realität.

Das war eine spannende Erkenntnis. Und eine zündende. Denn seit ich das weiß, sind diese Gefühle nicht mehr lähmend und negativ. Sie sind im besten Sinne Schubser. Und winzig kleine, wunderbar glühende Funken in der Dunkelheit des Stillstands.

Diese Schubser haben jetzt eine großartige Energie. Ich nehme das Ärgernis wahr, gehe ihm auf den Grund und dann wird daraus der Impuls etwas dagegen zu tun. Ich nehme mir plötzlich Zeit, für etwas, das mir am Herzen liegt. Ich mache einen neuen kleinen Schritt auf dem Weg durch die Wüste. Ich mache Dinge wahr, statt sie nur zu träumen.

So ist zum Beispiel auch dieser Text hier entstanden. Zwei Tage Ärger über Kollegen und komische Chef-Entscheidungen. Und statt grummelnd immer finsterer zu werden, mein Leben an sich in Bausch und Bogen zu verdammen, schreibe ich und organisiere endlich einen Twitter-Account für mein Blog hier.

Weil mich das glücklich macht.

Wenn das kein Wasser in der Wüste ist …

 

 

Das Glück ist unbequem

29. November 2013 § 2 Kommentare

Dieser Tage liest, hört und sieht man viel über Glück, Erfüllung und Achtsamkeit. Die Medien haben das Thema für sich entdeckt und so kann man ihm kaum mehr entkommen. Dabei ist mir aufgefallen: Kaum einer spricht und schreibt darüber, wie verdammt unbequem sie ist, diese Suche nach dem Glück. Und das Glück selbst auch.

Es beginnt damit, dass Du merkst: Irgendetwas stimmt hier nicht. Du bist traurig, schlecht gelaunt, reizbar. Und das nicht nur mal einen Tag oder zwei, sondern ganze Wochen oder Monate. Du hast das Gefühl, dass sich etwas ändern muss. Aber was? Also fängst Du an, nachzudenken.

Und während Du das tust, liest und hörst Du überall etwas darüber, dass Menschen das Glück suchen. Ein Leben, das sie ausfüllt. Eine Arbeit, die sie so von Herzen gern tun, dass sie sich gar nicht wie Arbeit anfühlt. Eine Freizeit, in der sie sich engagieren oder die Zeit mit ihren Kindern genießen oder einem Hobby nachgehen, das sie ebenso leidenschaftlich lieben wie ihre Arbeit. Oder gar noch mehr. Oder all das zusammen.

Und dann kommt vielleicht die Achtsamkeit dazu. Auch darüber schreiben die Medien jdflängst nicht mehr nur die aus dem Wellness-Sektor. Achtsamkeit soll ein wundervolles Tool sein, das den Ausweg verspricht aus dem gehetzten Alltag. Eine Haltung, mit der wir wieder präsent werden und das Glück des Augenblicks erleben. Wieder genießen können. Wieder langsamer werden.

Es klingt wie das Paradies. Aber ganz ehrlich? Das ist es nicht, jedenfalls nicht gleich, es ist vor allem erst einmal: verdammt unbequem.

Denn nur, weil wir die Tools kennen oder weil wir spüren, dass es noch mehr im Leben geben muss als eine Karriere, Gehaltserhöhungen und volle Terminkalender, heißt das noch nicht, dass wir nur mal eben einen Schalter umlegen müssten, und alles wäre gut.

Ich hatte mir für dieses Jahr „Achtsamkeit“ als Thema hergenommen (seit einigen Jahren suche ich mir immer am Ende eines alten ein Thema für das neue aus, mit dem ich mich dann gedanklich und praktisch beschäftige). Und ganz gegen meine sonstige Gewohnheit habe ich mal nicht erst alles darüber gelesen, sondern einfach mal gemacht. Ich habe mir vorgenommen, genau hinzuschauen: Was fühle ich? Worüber denke ich nach? Wie bin ich in meinem Leben, in bestimmten Situationen? Was wünsche ich mir?

Das Ergebnis all dieser Fragen: Ich fühle das Glück mit meiner Familie. Ich kann mich einlassen auf meine drei liebsten Menschen, ich kann ihnen zeigen, wie sehr ich sie liebe und ich tue das jeden Tag. Auch wenn es mal rumpelt und holpert, auch wenn wir mal nicht so fröhlich sind, was selbstverständlich vorkommt. So weit, so gut.

Ich fühle aber auch: Meiner Arbeit gehört mein Herz nicht mehr. Ich mache sie, und ich mache sie sehr gut, einfach weil ich das kann. Aber ich freue mich nicht mehr aufs Büro. Ich bin angestrengt davon, für die Arbeit alles mögliche zu müssen und zu sollen. Die richtige Kleidung zum Beispiel, die mir immer öfter wie eine Ver-Kleidung vorkommt, aber wenig der Art entspricht, wie ich mich wirklich wohl fühle. Aber auch die Projekte, für die ich alle Talente einsetze, die ich habe und das Wissen aus zwölf Jahren Erfahrung, die mir aber keine Leidenschaft mehr entlocken, die ich eben einfach mache, weil man mir sagt, dass ich es tun soll oder weil ich selbst sehe, dass die Dinge getan werden müssen. Ich bin die Zombieversion von einem Profi.

Und ich denke darüber nach, was anders sein könnte, was anders sein sollte, um besser zu sein als jetzt. Und genau da wird es unbequem.

Denn die wichtigste Voraussetzung für die Suche nach dem Glück ist, zu wissen, was es nicht ist. Also genau hinzuschauen, was stört und anstrengt und unglücklich macht. Und wenn man das dann sieht, muss man es erstmal aushalten, muss damit leben. Auch das ist verdammt unbequem. Und dann kommt der schwerste Teil: Sich auf den Weg machen. Dinge verändern, erste Schritte in eine neue Richtung gehen, nicht wissend, ob es tatsächlich die gesuchte und erträumte ist. Klar, das ist aufregend, das kitzelt wunderschön im Bauch. Es kostet aber auch Kraft und es macht Angst, das Gewohnte zu verlassen. Es ist nicht das Paradies, jedenfalls nicht sofort. Es ist der Marsch durch eine Wüste, von der man nicht weiß, wie groß sie ist.

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